Artikel aus dem Online-Magazin Kurdmania:
Stein und Spiegel
Wer in diesem Land lebt ist manchmal gezwungen, sich an absurde Anekdoten zu erinnern, womöglich ist dies sogar unausweichlich:
An einer stark befahrenen Straße steht ein Mann auf dem Gehweg und versucht auf die andere Straßenseite zu gelangen, was ihm jedoch misslingt.
Nach einer Weile sieht er einen Passanten, der auf dem gegenüberlegenden Bürgersteig spaziert. Er ruft der Person zu: "Wie hast Du es geschafft, hinüber zu kommen?" Der Passant entgegnet: "Ich bin auf diesem Trottoir geboren."
Ich bekomme so viele E-Mails, die mit "aber die anderen" anfangen, dass ich jedes Mal an diese Trottoir-Anekdote denken muss.
Jede(r) bezichtigt den anderen.
Kaum jemand weiß genau, was auf dem "gegenüberliegenden Gehweg" vor sich geht.
Für jemanden, der in Istanbul lebt, ist es nicht möglich, die Geschehnisse in Diyarbakır [kurd.: Diyarbekir, Amed) zu verstehen.
Wenn sie sehen, dass dort Kinder die Polizisten mit Steinen bewerfen, dann denken sie, dass diesen Kindern "etwas vorgegaukelt" wurde. Sie sind empört über diese Kinder und diejenigen, die ihnen "etwas vorgegaukelt" haben.
Diesen Kindern wird nichts vorgegaukelt.
Diese Kinder sind empört.
Dass bezüglich dieser Kinder [wegen dieser Steinwürfe] das Strafmaß erhöht wird, dass diesen Kindern für Jahre die Freiheit entzogen wird, lässt ihre Wut nicht abklingen, im Gegenteil: sie werden wütender.
Neulich schrieb auch Kurtuluş Tayiz: "Die Altersgrenze derjenigen, die zu den Guerillas gehen, ist auf 14 Jahre gesunken." Vierzehn-, Fünfzehnjährige Kinder, die ihr Heim verlassen und in die Berge steigen, um zu sterben und zu Töten.
Die Nächte verbringen sie in den kalten Höhlen, marschieren Tagelang im Regen, werden nass, im Schnee frieren sie. Jeden Moment könnten sie in ein Hinterhalt fallen, von einer Feldhaubitzengranate zermalmt werden. Jeder Ton, jede Bewegung kann der Bote des Todes sein.
Mit dieser Kenntnis gehen sie in die Berge.
Ist es denn einfach dies hinzunehmen?
Mit dem Irrtum, „diesen Kinder wird etwas vorgegaukelt“, entzieht man sich dem Geschehen, man verbarrikadiert das Denken und das Nachfragen. Eine Gewissensberuhigung mag dies hervorrufen, aber der Realität wird es nicht gerecht.
Seht, in Diyarbakır ist das Leben sehr hart: Arbeitslosigkeit, Mittellosigkeit, Grundlosigkeit, Wohnungslosigkeit….
Alles gibt es dort, was ihr euch an Schlimmem nur vorstellen könnt.
Aber deswegen steigen sie nicht in die Berge. Das Leben ist für uns alle eine Art "Spiegel", auch wenn er klein, blass und verwischt ist, wollen wir unser Spiegelbild sehen. Ein Zeichen dafür, dass das Leben uns akzeptiert.
Armut, Arbeitslosigkeit und Mittellosigkeit allein machen schon niemanden mehr verrückt, überall im Lande gibt es diese Zustände. Aber wenn man den Spiegel dieser Menschen zerstört, dann vernichtet man diesen Menschen die Möglichkeit zur eigenen Wahrnehmung ihres Selbst, und dies können sie nicht akzeptieren.
Denjenigen möchte er entgegentreten, die seinen Spiegel zerstört haben. Ihren Spiegelbildern möchte er das Leben nehmen. Mit dem Glauben, dass sein eigenes Dasein fortdauern wird, wenn er dies tut.
Dieser Staat hat den Spiegel dieser Kinder zerstört.
Er hat die Spiegelbilder ihrer Existenz nicht zugelassen.
Er hat das Schlimmste und Gefährlichste getan, was einem Menschen angetan werden kann: Er hat sie gedemütigt, ihre Ethnie gedemütigt, sie verächtlich gemacht, und ununterbrochen darauf hingewiesen: "ich bin stärker als du".
Niemand kann dies akzeptieren.
Die Würde der Türken ward damit gebrochen, dass in einer Kommission im [US-]Amerikanischen Kongress eine Entscheidung fiel mit der Mehrheit einer einzigen Stimme, sie sollten sich einmal vorstellen, dass ihnen zuteil würde. was den Kurden angetan wurde.
Hätte man eure Sprache verboten und untersagt, sie in den Schulen zu lehren, eure Häuser gestürmt, eure Dörfer niedergebrannt, euch in dem Land, in dem ihr lebt, als Bürger niederer Klasse behandelt, euch herrisch entgegengetreten, euch verängstigt und in Polizeiwachen geprügelt, wie hättet ihr euch dann gefühlt?
"Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig" wird ebendies erlebt.
Kommt mir nicht damit, dass diese Menschen aufmüpfig "rebelliert" hätten - allein diese Worte zeigen wie ihr die Kurden verachtet. Warum haben sie rebelliert, gegen wen haben sie rebelliert?
Der Mensch "rebelliert" nur gegen den, der ihn unterdrückt. Wenn er unterdrückt wird rebelliert er. Schon in diesem Satz lasst ihr erkennen, dass die Türken gegen niemanden rebellieren müssen, da sie die Herren sind und die Kurden Bürger niederer Klasse.
Und genau diese Haltung empört die kurdischen Kinder.
Deswegen werfen sie Steine, steigen in die Berge.
Sie wollen nicht rebellieren, keine vorherrschende Klasse sein, sie wollen in einem Land leben, wo jede(r) gleichberechtigt ist.
Zuerst soll das unbarmherzige Strafmaß gegen "Steine werfenden Kinder" aufgehoben werden, dies wäre eine erfreuliche Nachricht - zumindest werden sie von den Gefängnissen befreit.
Freilich reicht dies nicht aus.
Wenn ihr wollt, dass diese Feindseligkeit zugrunde geht und dieser Krieg beendet wird, müsst ihr diesen kurdischen Kindern ihre Spiegel zurückgeben, damit sie beim Hineinschauen ihr Dasein erkennen können, ihre Ethnie ihnen entgegen sieht.
Erst dann werden sie ihre Kindheit so wie die anderen Kinder verbringen können.
Vergesst nicht, diese kurdischen Kinder schulden euch nichts, aber ihr schuldet ihnen die Spiegelung ihres Lebens.
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Dieser Kommentar von Ahmet Altan mit dem Originaltitel "Taş ve Ayna" erschien am 11. März in "Taraf". Für Kurdmania aus dem Türkischen übersetzt von Shewq.
Artikel geschrieben von: Sewq am Sonntag, 14. März 2010
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